BWS – Segellager

 
Sonntag, 23. April 2000

Beinahe pünktlich, kurz nach neun Uhr, war alles Gepäck in den zwei Bussen verstaut, die Schüler sassen auf ihren Plätzen und wir konnten losfahren. Unser Weg führte über Eglisau und Schaffhausen nach Deutschland und wir fuhren und fuhren und fuhren auf der Autobahn Richtung Holland. Dreimal unterbrachen wir die Fahrt, vertraten uns die Beine, tankten die Autos voll und erledigten, was es sonst noch zu erledigen gab. Nach etwa neuneinhalb Stunden erreichten wir Monnickendam, wo die "Gouwzee", unser Schiff, schon im Hafen auf uns wartete.

Etwas später hatten alle ihre Kajüten bezogen und das Gepäck verstaut. Unsere Skipperin, Pirka, stellte sich und Jan Mark, den zweiten Maat, kurz vor und wir besprachen die Segelroute für den ersten Tag. Wir nahmen uns vor, soweit wie möglich Richtung Waddenzee zu segeln. Den Rest des Abends verbrachten wir in einem Restaurant nach Wahl um unsere leeren Mägen zufrieden zu stellen. Satt kehrten alle um halb elf wieder aufs Schiff zurück. Die Schüler spielten noch eine Runde «Pöpperle», es wurde geredet und gelacht, bis dann gegen zwölf Uhr nachts auch die letzten ihre Kojen aufsuchten und in den Schnarchkanon mit einstimmten.

Montag, 24. April 2000

07.00; eine Gruppe verwegener Jogger traf sich zum «Morgenspaziergang mit leicht erhöhtem Puls», (Originalton W. Dütschler). Die weniger sportlichen kehrten nach einer Runde zum Schiff zurück. Nur vier hatten noch nicht genug und fügten noch eine Runde an. Dabei suchten sie gleich nach einer eventuellen Einkaufsmöglichkeit, leider vergebens. Am Ostermontag sind auch in Holland alle Läden dicht.

Zum Glück importierten wir wenigstens ein Morgenessen aus der Schweiz, so mussten wir nicht ganz verhungern. Frisch gestärkt und guten Mutes trafen wir uns an Deck und warteten auf weitere Instruktionen. Pirka führte uns ins Seglerleben ein und dann tauchte auch noch unser erster Maat, Jouke, auf. Er machte einen sehr sympathischen Eindruck.

Nach ein paar technischen Pannen, die noch behoben werden mussten, verliessen wir Monnickendam. Die Gouwzee («Chausee» gesprochen) bewegte sich nach einem unerklärlichen Rückwärtsrutsch endlich vorwärts Richtung weite See.

Nun begann für uns die Arbeit: Gross-, Besan-, Fock- und Klüversegel mussten gesetzt werden. Pirka gab das Kommando, während Jouke und Jan Mark uns die verschiedenen Arbeitsgänge erklärten. Wir lernten die Namen der Segel kennen, wie man Taue aufschiesst und vor allem, was es heisst, ein Grosssegel zu setzen. Zu sechst mussten wir am Tau ziehen, damit wir es aufwärts bewegen konnten.

Nachdem alle Segel gesetzt waren, verteilten sich alle auf dem Schiff. Der beliebteste Platz war das Netz ganz vorne am Schiff, beim Klüverbaum. So segelten wir gemütlich, mit nicht allzu viel Wind, Richtung Enkhuizen. Die Mittelschulanwärter nutzten die Zeit um im Aufenthaltsraum zu lernen. Zwischendurch verschwand wieder jemand in der Koje und stöberte nach etwas essbarem.

Als wir vor der Schleuse bei Enkhuizen anlangten, gab uns Pirka Befehle, die Segel wieder zu reffen. Mit uns wollten noch etwa fünf weitere, kleinere Schiffe mit durch. Eine Entenmama mit ihren dreizehn Jungen schwamm in die Schleuse, während wir hinaus fuhren. Dabei wurde eines von den Kleinen von seiner Familie getrennt und fast von den anderen Segelbooten überfahren. Wir waren sehr traurig, denn wir wussten, dass dieses Entchen nicht überleben würde. Nach der Schleuse fuhren wir gleich in Enkhuizen ein. Da wir immer noch nichts zu essen an Bord hatten, gab uns Herr Koopman Geld für ein warmes Nachtessen und alle verstoben in andere Richtungen........ Die einen machten gleich bei einem Fast-Food-Stand halt, während sich die anderen in einer gemütlichen Pizzeria den Magen voll schlugen. Später kehrten wir zum Hafen zurück und um zwölf Uhr waren wir in unseren Kojen.

Dienstag, 25. April

Nach dem Morgenessen (besteht aus den allerletzten Resten) machten sich das Gros der Crew auf, den Supermarkt zu stürmen. Durch unseren Einkauf waren wohl die Tageseinnahmen fürs erste sichergestellt. Unter Schwitzen, ?chzen und Stöhnen trugen und schleppten wir unsere Vorräte zum Schiff. Ob wohl die Mitnahme eines Lastesels beim nächsten Mal zu überlegen wäre?

Zehn Minuten vor elf konnten wir auslaufen. Vorher teilte uns Pirka in zwei Gruppen auf. Die einen waren die Steuerbordgruppe und die anderen die Backbordgruppe. Die einen führte Jouke, die anderen Jan Mark. Unser erstes Ziel war Den Oever.

Heute kamen wir flotter voran, der Wind hatte einiges an Stärke zugenommen. Die Zeit vertrieben wir mit Faulenzen, Musik hören, lernen, lesen, schreiben oder guten Gesprächen. Zwischendurch wurden die Segel anders gesetzt und die Seile neu aufgeschossen; eine friedliche Fahrt.

Gegen vier Uhr Nachmittags unterbrach Pirka unsere Gespräche und gab Befehle, die Segel wieder runter zu holen. Vor uns lag die Schleuse des Abschlussdeiches, die wir passieren wollten. Gleich dahinter befand sich Den Oever, unser Anfahrtshafen. Hier unterbrachen wir unsere Reise für eine Stunde und machten verschiedene Einkäufe. Die einen deckten sich mit warmen Mützen und Pullovern ein, die anderen mit Karten oder Süssem. Ein Spaziergang auf der Waddenzee rundete unserem Aufenthalt in diesem Hafen ab.

Nach kurzer Fahrt parallel zum Damm blieben wir, weil Ebbe war, im Sand stecken. Das Schiff drehte sich. Die Fischerpfähle kamen bedrohlich nahe und Annette, Felix und Maja mussten das Netz fluchtartig verlassen. Während wir festsassen, kochten Sarah, Marianne und Jeannine ein russische Gericht namens Boef Stroganoff, das allen sehr schmeckte. Nach dem Nachtessen, das wirklich gut war, machten wir uns für die Weiterfahrt bereit.

Die Segel wurden wieder gesetzt und los ging‘s. Wir fuhren dem Damm entlang und als es allmählich einzudunkeln begann, suchten wir mit Romeos Taschenlampe den Fluchthafen Breezandijk. Hätten wir ihn nicht gefunden, so hätten wir Ankern müssen und erst noch Nachtwachen aufstellen......
Mittwoch, 26. April

Nach einer erholsamen Nacht genossen wir das Frühstück. Schon bald ging die Fahrt weiter und wir sahen sogar einen Seehund. Dann ging es durch die Lorenzschleuse wieder ins Ijsselmeer zurück. Wir hielten Kurs auf Workum, einem Hafen im Süden . Da der Wind von Süden kam, mussten wir mit einem zick- zack- Kurs aufkreuzen. An Deck war wieder mal Sommerstimmung, lesen, faulenzen, witzeln, Karten schreiben und Musik hören. Ariane bekam eine kalte Dusche mit dem Eimer von Herr Koopman und Fly filmte natürlich alles mit seiner Kamera. Zum Glück war es warm und sie hatte ja noch ihre Regenjacke an.

Der Nachmittag war gemütlich, und wir genossen die Wärme und der Wind, der uns fein um unsere Nasen strich. Kurz vor dem Kanal zogen einige Wolken auf und wir befürchteten eine Regenfront. Dann tuckerten wir den Kanal hinunter, der zum Hafen führte. Wir fotografierten die riesige Windmühle am rechten Ufer. In Workum angekommen gingen alle an Land, ausser der Kochgruppe, die fleissig in der Kombüse arbeitete. Draussen roch es nach Tierfutter, doch mit der Zeit vergassen wir den Geruch. Gemütlich schlenderten wir ins Dorf, vorbei an Tulpengärten und schönen Häusern.

Souvenirs und Proviant wurden gekauft. Mit hungrigen Magen stürmten wir aufs Schiff zurück . Es warteten schon feine Spaghetti auf uns. Wieder ein super Nachtessen in Begleitung von guter Stimmung . Pirka, Jouke und Jan Mark waren auch dabei, wie jeden Abend. Um 20.45 Uhr spazierten wir, der Grossteil der Truppe, los, um uns die leuchtenden Farben des Sonnenuntergangs anzuschauen. Kaum hatten wir einen halben Kilometer zurückgelegt, überraschte uns eine starke Regenschauer, die zum Glück nicht allzu lange dauerte. Mit Joukes Fussbällen spielten wir ein bisschen, bis dann einer den Kanal hinunter rollte und ins Wasser hopste. Weg war er ....

Der Himmel leuchtete wunderschön. Dieser Anblick werden wir nicht mehr so schnell vergessen. Als sich die Nacht über dem Meer verbreitete, nahmen wir den Rückweg unter die Füsse, die noch nässer wurden... Wieder im Segelschiff angekommen, spielten wir Bingo, dass von Jouke und Jan Mark organisiert wurde. Nach Mitternacht kehrte dann Ruhe ein...
Donnerstag, 27.April

Ein scharfer Glockenklang riss uns aus den Träumen. Aufstehen! Wieder um genossen wir ein köstliches Frühstück mit Hagelbrot und weissem Schokoladenaufstrich.

Bald schon befanden sich die Crew an Deck um zu helfen. Mit dem Motor fuhren wir durch den Kanal zurück ins Ijsselmeer Auf halbem Wege hielten wir an, weil wir den Ball von Jouke gefunden haben. Romeo sprang raus und holte ihn. Nach dem kleinen Zwischenfall fuhr die Gouwzee wieder auf die See hinaus, wo wir dann Segel setzten.

Das Thermometer erreichte schätzungsweise eine Wärme von 25 Grad. Die Sommerstimmung kehrte zurück. Kein Wunder, dass Pirka auf die Idee kam, sich mit dem Rettungsring ins eiskalte Wasser hinunterzulassen. Diese Idee gefiel allen. Sofort wurden die Mutigen und Zähen hinunter gelassen. Natürlich nur kurz.

Danach schien die Sonne nicht mehr so stark und es wurde kühler. Der Wind wurde auch stärker und die Fahrt konnte schneller weiter gehen! Zitternd sassen die meisten Mädchen eng aneinander gequetscht da und die Wellen wurden (zum ersten Mal) etwas höher.

Vor der Schleuse ins Markenmeer wollten wir nochmals kurz in Enkhuizen anlegen um einzukaufen. Doch wir waren in der Zeit etwas hinten nach und segelten nach Hoorn.

Im Hafen assen wir Ragout mit Bratkartoffeln. Mit vollen Bäuchen machten wir uns für den Ausgang bereit. Ausser, dass eine Gruppe von unseren Mädchen eine nicht sehr gute Bekanntschaft mit ein paar aufdringlichen Holländern machten, war der Abend in der wundervollen Stadt sehr schön. Ziemlich müde fielen die meisten von uns etwa um halbelf ins Bett.

Freitag, 28. April

Natürlich konnten Fly und Herr Koopman es nicht lassen, uns wieder mit der Schiffsglocke aus dem Schlaf zu holen.

Nach dem Morgenessen gingen wir auf Souvenirjagd. Statt den versprochenen zweieinhalb hatten wir bloss eine Stunde zur Verfügung. Um zehn Uhr sassen alle an Deck und Pirka erklärte uns, dass wir heute die Segel selber alleine hissen dürften.

Bevor wir aus dem Hafen fuhren, wurde Annette plötzlich von Herr Vogel und Herr Koopman bei den Armen und Beinen gepackt und auf "drei" ins eiskalte Wasser geschwungen. Es wurde natürlich alles abgesprochen und gefilmt...

Ohne Hilfe von Pirka , Jouke und Jan Mark schafften wir es, die Segel zu setzten. Fast ohne Pannen.

Die Sonne schien wieder einmal wunderprächtig und wärmer, bis 28 Grad. Der Hafen von Hoorn verschwand langsam hinter uns.

Maja und Felix hatten das Steuer mehr oder weniger im Griff und steuerten uns nach Monnickendam zurück. Unterwegs geschah bis zwei Uhr nicht sehr viel, es war relaxen angesagt. Dann ging alles erst los : Als wir nur noch im Schneckentempo segelten war Pirka mit einem Riesensprung im Wasser und ihrem Beispiel folgten viele.

Doch die meisten wurden unfreiwillig hineingeworfen, zum Beispiel Ariane, Kim, Maja oder Johanna, natürlich mit den Kleidern!

Die anderen stiegen alle mehr oder weniger freiwillig ins Wasser. Manche sogar zweimal. Am Schluss, nach dem Eimer erfrischendes Wasser über Marianne, waren alle nass bis auf Jeanine, die sich im Schiff verkroch.

Da wir kein Wind mehr hatten, fuhren wir mit dem Motor zum Hafen von Monnickendam zurück. Dort angekommen machten wir alle Souvenirläden der Stadt unsicher...

Um sechs Uhr ankerten wir etwas weiter draussen und bereiteten in Zusammenarbeit mit Jan Mark ein BBQ vor, während Pirka und Jouke es nicht lassen konnten ins Wasser zu springen und ein «Kollegen- Chartenschiff» zu kentern.

Der kleine Tisch war voll mit Salaten, köstlichen Dips und Chips. Die Gläser waren gefüllt und die ganze Gruppe sass zusammen und liess sich alles gut schmecken. Es gab Steaks, Hamburger, Lachs oder Forellen. Etwas kalt war es schon, aber niemand dachte daran, unter Deck zu gehen. Erst als dann der Kuchen und Kaffee parat waren.

Es wurden zuerst die ?mter für den grossen Schiffsputz ausgelost, Geschenke für Pirka, die es allerdings nicht nötig fand, Jouke und Jan Mark überreicht und die Stimmung war schon ein klein bisschen traurig. Jouke und Pirka mussten anschliessend ein hochdeutsches Gedicht , das Michelle geschrieben hatte, vorlesen. Mit ihrem holländischen Akzent brachten sie uns zum lachen und die Stimmung besserte sich wieder.

Gegen neun Uhr wurden an Deck die Lichter angemacht, die kleine Anlage aufgestellt und das Feuer im Grill neu entfacht. It’s Partytime!!!!

Trotz der nicht all zu guter Qualität der Boxen war eine super Stimmung draussen in der kalten, feuchten Nacht. Es wurde getanzt, geredet und viel gelacht. Ein paar verzogen sich in den Aufenthaltsraum, als es etwas zu kalt wurde. Die einen schafften es nur bis zwölf auf zu bleiben, während die anderen bis drei oder länger durchhielten.

In dieser Nacht schliefen wohl alle wie die Bären...

Samstag, 29. April

Heute gab es schon um halb acht Frühstück, deshalb wurde auch fast kein Wort gesprochen.

Als die Sandwiches für die Reise gemacht waren, ging es ans fertig packen und putzen. Die Küchengruppe, Bettengruppe, WC-Gruppe und die Bodenputzgruppe leisteten ganze Arbeit, so dass wir gut im Zeitplan lagen und wir die Taschen und Säcke in einer Kette über die anderen Schiffe hieven konnten. Während die letzten das Deck zusammen mit Jan Mark und Jouke schrubbten, luden wir das Gepäck in die Minibusse.

Als die Gruppe komplett war, hielt Pirka eine kleine Rede. Sie erklärte uns, dass wir eine sehr gute, hilfsbereite, lustige, arbeitsame und sympathische Gruppe seien und sie eine wunderbare Woche gehabt habe. Sie wünschte uns Glück und hoffte, wie auch wir, auf ein Wiedersehen. Auch den Krach vom festlichen Umzug der Holländer, die ihre Königin feierten, half nichts und so mussten wir mit sinkenden Köpfen von allem Abschied nehmen.

Nach der Verabschiedung sass jeder auf seinem Platz und wir begannen die Rückreise sehr wortlos.

Wie auch die Hinfahrt dauerte diese Fahrt über neun Stunden. Ein paar Minuten nach unserem Aufbruch begann es zu regnen, was die Stimmung noch mehr bedrückte. Wir hörten uns die Kassetten ein paar mal durch, machten drei Zwischenhalte und waren um halb acht wieder in Bülach. Herr Koopman verteilte die restlichen Vorräte und alle verabschiedeten sich voneinander. Viele waren der Meinung, dass diese Lager nochmals eine Woche hätte dauern können.

Wir werden Holland, Jouke, Jan Mark, Pirka und die Gouwzee wahrscheinlich noch lange in Erinnerung behalten!

Ende

 

 

The life over the ocean!

 

Wir segeln von Stadt zu Stadt

und wir fahren übers Watt.

Es ist wie im Traum

und auf dem Meer glitzert silbern Schaum.

Ich schaue aufs weite Meer

und geniesse dieses Leben sehr.

Es macht allen riesen Spass dabei

und ich fühle mich so frei!

Wie ein Vogel in der Luft,

es wird zur grossen Sucht.

Die Kojen sind sehr klein,

aber wir passen alle rein.

Der Wind bringt uns voran

und zieht uns in seinen Bann.

Das Schiff beginnt zu schwanken

und ich versinke in Gedanken.

Träume von Piraten und Schlachten,

wie sie’s früher machten

Sehe die Windmühlen drehen

und versuche die neue Kultur zu verstehen.

Oh Holland, ich werde dich vermissen...!